Die chinesischen Kampfkünste
Die chinesischen Kampfkünste können auf eine lange Geschichte zurückblicken. Bereits vor ca. 3.000 Jahren musste die Bevölkerung Chinas ihr riesiges Land, ihre Familien und sich selbst mit Kampfkunst verteidigen. Damals wurde der Grundstein für die heutige Vielfalt gelegt. Mit einfachsten Mitteln und Techniken, später dann mit ausgefeilten Strategien und Waffen wehrte sie sich gegen die Übergriffe anderer Länder und deren Armeen. Die Heerscharen der damaligen chinesischen Herrscher übten sich in der Kriegs- und Kampfkunst und nannten diese Guo Shu (Guo - Land, Shu - Methode) - also Landesmethode oder Landeskunst. Später ersetzte man diese Bezeichnung durch Wushu - (Wu - Kampf, Shu-Methode / Kunst) - also Kampfkunst oder genauer Selbstverteidigungskunst. Denn das chinesische Schriftzeichen für "Wu" setzt sich wiederum aus zwei Zeichen zusammen: "Zhi", welches für Stoppen, beenden usw. steht und "Fe" (Speer, Lanze oder allgemein Waffen). Aufgrund dieser Zusammensetzung kann man deutlich erkennen, dass die eigentliche Bedeutung von "Wu" die Techniken bezeichnet, die benutzt werden, um einen Kampf zu beenden oder sich gegen einen bewaffneten Angreifer zu verteidigen.
Kung-Fu / Gong Fu
Wushu ist heute immer noch die offizielle Bezeichnung für alle chinesischen Kampfkunst-Stile in China. Allerdings verstehen heute die meisten westlichen Praktizierenden darunter eher die modernere Variante der chinesischen Kampfkunst, die sich in diesem Jahrhundert entwickelt hat - die der sogenannten Wettkampfstile. Bei uns im Westen sind diese Kampfkünste eher unter einem anderen Sammelbegriff - Kung-Fu oder nach der Pinyin-Umschrift auch Gong Fu - bekannt geworden. Während die Bezeichnung Wushu ein sehr sachlicher Begriff für Kampfkunst ist (der z. B. auch für militärische Zwecke verwendet wurde), verbirgt sich hinter dem Begriff "Kung-Fu" weitaus mehr. Zum einen bezeichnet der Name "Kung (Gong = Energie)" und "Fu (Zeit, Arbeit)" eigentlich jede Art einer intensiven, harten, anstrengenden und zeitaufwendigen Arbeit, die ebenso gut das Erlernen des Klavierspielens, das Zeichnen, der Job usw. sein können; eben alles, was viel Zeit und Energie benötigt, um es richtig meistern zu können.
Zum anderen verkörpert er den tief greifenden Gedanken, bei dem das Ausüben einer Kampfkunst oder Stils nicht in erster Linie nur zu "kämpferischen" Zwecken oder zur Selbstverteidigung dient, sondern vor allem ein Weg darstellt zur körperlichen und geistigen Weiterentwicklung, um dadurch seine allgemeine oder spezielle Leistungsfähigkeit zu verbessern oder eine bestimmte Fähigkeit durch harte, intensive Arbeit zu erreichen.
Der Begriff "Kung-Fu" entstammt wahrscheinlich der Tradition des Shaolinklosters, da dieser Begriff ja eigentlich nicht auf eine kriegerische Kampfkunst hinweist und somit auch nicht im Widerspruch zu dem friedliebenden religiösen Glauben der Mönche steht. So wurden dort z. B. Übungen, die heute als "Eisenkörper-Training" bekannt sind und sowohl äußere (Muskel- und Abhärtungstraining) als auch innere Übungen (Atem- und Konzentrationsübungen) umfassen, mit "Iron-Shirt Kung-Fu" bezeichnet und auch heute noch verwendet.
Quan Shu
Neben den zuvor aufgeführten Hauptbegriffen werden noch weitere Bezeichnung wie Quanshu (der Faustkampf) und Quanfa (die Techniken des Faustkampfes) genannt, die jedoch als Kampfkunst ohne Waffengebrauch verstanden werden. Die Begriffe Quan (pinyin - Faust) und Kuen (kant. - Faust) werden meist im Zusammenhang mit den Stilbezeichnungen wie z. B. bei Tang Lang Quan oder Hung Kuen verwendet oder als Endung bei den Namen der Handformen.
Welche dieser Generalbezeichnungen auch als Überbegriff verwendet wird; eins ist sicher: Alle diese Begriffe beschreiben nur einen Teilbereich für die chinesischen Kampfkünste, deren großer unterschiedlicher Inhalt vielleicht überhaupt nicht in einem Wort richtig wiedergegeben werden kann.
Die Kung-Fu / Wushu-Situation in Deutschland
In den 70er Jahren fanden neben verschiedenen anderen Kampfsportarten wie z. B. Karate auch die unter dem westlichen Begriff "Kung-Fu" bekannt gewordenen chinesischen Kampfkünste zahlreiche Anhänger in Deutschland. Hervorgerufen durch die amerikanische Serie "Kung-Fu" mit David Carradine und natürlich vor allem auch durch die Filme mit Bruce Lee entstand hier ein regelrechter Boom. Die Nachfrage nach entsprechenden Trainingsmöglichkeiten war groß. Die Faszination der Kampftechniken, der absoluten Körperbeherrschung und Kontrolle und die relativ unbekannte asiatische Kultur zog viele in ihren Bann.
Während chinesische Kung-Fu / Wushu Meister (überwiegend traditionelle) aus China oder Hongkong nach Amerika auswanderten, um sich dort anzusiedeln und zu unterrichten, waren in Deutschland richtig ausgebildete Lehrer noch absolute Mangelware. Trotzdem wollte "jeder" unbedingt das "Bruce Lee - oder Shaolin-Kung-Fu" erlernen. Das hatte einerseits zur Folge, dass Kampfsportschulen plötzlich den Namen ihrer bisher praktizierten Kampfkunst änderten, um mit dem neuen Trend mitzuhalten und natürlich entsprechend "Kohle" zu machen. So genannte Kung-Fu Schulen schossen wie Pilze aus dem Boden. Trainer, die bisher von chinesischer Kampfkunst noch nicht viel gesehen hatten, geschweige denn, entsprechend ausgebildet waren, bezeichneten sich als Kung-Fu-Lehrer und selbst ernannte Meister (Sifu) und hatten regen Zulauf. Andererseits hielt man die Philosophie, Geschichte, Kultur und Tradition vermittelnde Inhalte aus der amerikanischen "Kung-Fu-Serie" als Erfindung der Filmemacher, da man hier kaum Lehrer oder Schulen antraf, die die gleichen Ansichten vertraten.
Das "echte Kung-Fu / Wushu" - die chinesischen Kampfkünste - erhielt ein leicht negatives Image. Doch gab es bereits zu dieser Zeit natürlich auch qualitativ exzellent ausgebildete Lehrer, die ihr Wissen und ihr Können durch das Studium bei einem oder mehreren chinesischen Meistern traditionell erworben hatten. Ihr Engagement und die Art ihres Unterrichts nach der Tradition ihrer Meister konnte sich jedoch lange Zeit nur schwer gegen diesen Boom und das durch die Pseudolehrer entstandene verzerrte Bild der chinesischen Kampfkünste durchsetzen.
Heutige Situation
Mittlerweile hat sich die Qualität des traditionellen Kung-Fu Unterrichts gegenüber der Quantität der Pseudoschulen und deren so genannten "Phantasie-Stilen" bewiesen. Diese selbst erdachten Kung-Fu Systeme verschwanden genauso schnell wie sie aufgekommen waren. Arbeit, Idealismus und Aufklärung durch seriöse Lehrer zeigten erste Erfolge. Im Laufe der Jahre erschienen auch immer mehr Publikationen, überwiegend aus Amerika, die über verschiedene chinesische Kampfkunstsysteme und Meister berichteten. Die "Schüler" erkannten nun, dass es viele unterschiedliche Stilrichtungen gab und nicht nur den z. B. von Bruce Lee. Außerdem erfuhren sie mehr über richtige Ausbildung, Unterricht, Familiensystem und Verhaltensregeln in den traditionellen chinesischen Kampfkünsten. Ein Wandel im Denken und Wissen vollzog sich langsam aber sicher. Während in den 80er Jahren überwiegend andere Kampfsportarten ihren Höhepunkt erreichten, führte das Kung-Fu / Wushu ein Schattendasein.
Das traditionelle und moderne Kung-Fu / Wushu in Deutschland
Seit einigen Jahren nun erlebt auch diese Kampfkunst einen stetigen Aufschwung. Kung-Fu / Wushu wird aus den unterschiedlichsten Gründen praktiziert. Sei es überwiegend als Gesundheitsgymnastik (wie z. B. das Tai Chi Chuan), überwiegend zur Selbstverteidigung (z. B. wie das Wing Chun), überwiegend als Wettkampf-Stil (wie das moderne Wushu) oder auch als Lebenskunst mit Interesse der körperlichen und geistigen Vervollkommnung nach der asiatischen Philosophie (wie die meisten traditionellen Stile). Dem Interessierten steht nun eine reichhaltige Palette an chinesischen Kampfkunststilen zur Auswahl, die es ihm ermöglichen, das für ihn jeweils geeignete und gewünschte System zu erlernen.
Seit einigen Jahren hat nun auch das moderne Wushu den Weg nach Deutschland gefunden. Asiatische Trainer mit Ausbildung in der VR China unterrichten nach dem Vorbild und den Regeln ihrer Heimat. Ihre Schüler nehmen nun auch bei nationalen und internationalen Meisterschaften teil. Zurzeit befindet sich die Kung-Fu Szene im Bereich modernes Wushu (Wettkampfstile) aber noch im Aufbau. Im Vergleich z. B. zu Amerika oder den Niederlande liegen die deutschen Teilnehmer überwiegend noch im unteren Leistungsniveau. Im traditionellen Bereich hat sich nun schon einiges getan. Das Unterrichten der Schüler in allen Bereichen, die das Kung-Fu umfasst, die Erhaltung und Wahrung der traditionellen chinesischen Kampfkunst und die Ausbildung von seriösen Assistenten und Lehrer stehen im Vordergrund. Die Qualität der Lehrer und Meister (der unterschiedlichsten Nationen) in Deutschland, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse, sind vergleichbar geworden mit den Lehrern und Meistern aus Asien und anderen Kontinenten. Die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den Praktizierenden der unterschiedlichsten Stilrichtungen hat der Förderung der chinesischen Kampfkünste in Deutschland zu enormen Auftrieb verholfen. Der Austausch untereinander und Beziehungen mit dem Ausland lassen die Gemeinschaft zusammenwachsen. Doch Vorsicht ist nach wie vor geboten. Der Schüler und /oder derjenige, der es noch werden möchte, sollte sich trotz des mittlerweile überwiegend qualitativ hochwertigen Unterrichts die ausgesuchte Kung-Fu / Wushu-Schule genauer betrachten und einige Tipps befolgen, denn noch gelten nicht alle Schulen als seriös und verantwortungsbewusst.
- Auszug aus dem Buch "Chinesische Kampfkünste" von Sifu Andreas und Simo Evelyn Garski
© Andreas Garski / www.hung-gar.de
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